Briefleser, Romanleser, Briefromanleser: Zwischenbericht zu einem Leseexperiment anhand von Goethes „Werther“

Über mein Vorhaben, Goethes Werther zu lesen, als sei ich der Empfänger seiner Briefe, habe ich bereits geschrieben. Jetzt ist es an der Zeit für einen Zwischenbericht. Ganz so optimistisch wie zu Beginn der Lektüren bin ich inzwischen nicht mehr.

Der Grund dafür ist zunächst schlicht folgender: Liest man Werthers Briefe zu den Daten, an denen sie abgeschickt wurden*, entstehen unweigerlich Verständnisprobleme. Gelegentlich kann zumindest ich nicht mehr nachvollziehen, an welche Gedanken und Themen Werther gerade anknüpft.  Zu Beginn des zweiten Buchs etwa liegt jeweils rund ein Monat zwischen seinen Briefen – ein Monat, in dem ich vieles andere gelesen habe, was die Erinnerungen an das, was Werther zuletzt mitteilte, verschütten ließ.

Und: Wenn Werther zum Beispiel am 8. Januar (in seinem Fall: 1772, in meinem: 2014) nur eine allgemeine Reflexion einschiebt – zu Ehrgeiz, Hierarchie und Rangordnung oder dergleichen – dann nimmt das dem Leseerlebnis ziemlich den Schwung.

Daran ändert auch nichts, dass man quasi in Echtzeit mitverfolgen kann, wie sich Werthers Naturreflexionen im Wechsel der Jahreszeiten wandeln. Das ist ganz nett. Aber es wird überschattet von den Verständnisproblemen, die durch die fehlende Stringenz dieses Leseerlebens aufkommen.

Eigentlich wollte ich mir E-Mails mit den Briefen schicken lassen, so wie www.die-leiden-des-jungen-werther.de das anbietet. Da die Technik nicht mitspielte, wurde nichts daraus. Ich lese deshalb das alte Reclam-Heft aus Gymnasiasten-Tagen erneut.** Ob das Lesegefühl ein anderes ist, wenn tatsächlich nur der jeweils aktuelle Brief per E-Mail ins Postfach flattert? Das scheint möglich. Der Blick auf die vorherigen und folgenden Absätze fehlt dann – und das eigentümliche Schwanken zwischen Brief- und Romanlektüre fehlt dann.

Mit diesen Begriffen sind wir im Kern meiner Überlegungen angekommen: Für mich wurde bei diesem Leseexperiment der Unterschied zwischen den Modi des Brieflesers, Romanlesers und Briefromanlesers deutlich.  Liest man Goethes „Werther“ in der hier ausprobierten Weise, gehört man kaum eindeutig zu einer dieser Kategorien – und das bringt einige Probleme mit sich.

Der Briefleser liest – zumindest idealtypisch – nur das jeweilige Schreiben, das ihn erreicht (ob auf einem Briefbogen oder per E-Mail). Das heißt: Er ist besonders anfällig dafür, den Faden zu verlieren, wenn zwischen den Briefen zu viel Zeit liegt und wenn der Schreibende nicht durch moderierende Worte erklärt, woran er anknüpft und dergleichen.

Der Romanleser hat genau diese Probleme nicht: Hervorstechendste Eigenschaft dieser langen Prosaform ist – auch hier wieder verkürzt und idealtypisch gefasst – seine Kohärenz. Alle gängigen Romandefinitionen, welche vor allem die Komplexität des Genres (in Abgrenzung zu verwandten Formen epischer Prosa) hervorheben, und die Vielschichtigkeit der literarischen Produktion täuschen nicht darüber hinweg: Sofern der Leser das Buch nicht beiseitelegt, wird er bei grundsätzlicher Eignung keine Schwierigkeit haben, dem Gelesenen zu folgen.

Der Briefromanleser folgt einzelnen Briefen, läuft aber trotzdem nicht Gefahr, ständig den Faden zu verlieren. Er kann schließlich im (Brief-)Roman vor- und zurückblättern.   Praktiziert man diese Lektüreform, verschmelzen also zwei Leseweisen. Mein Leseexperiment nimmt mir aber die Vorteile dieses synthetisierenden Lesemodus. Wie einem Briefleser gibt mir das jeweils aktuelle Schriftstück oft genug Rätsel auf – und daraus lässt sich schlussfolgern: Zumindest dieser Briefroman eignet sich nicht für eine zerstückelnde Lektüre wie meine. Im Text fehlen mir schlicht die moderierenden Anmerkungen, die ein Briefschreiber seinem Leser gegenüber aus Gefälligkeit machen könnte, um ihm Anknüpfungspunkte an den vorhergehenden Brief zu geben – und die umso dringender gebraucht werden, je länger die letzte Lektüre zurückliegt.

Ich werde den „Werther“ freilich trotzdem in dieser Weise bis zum Ende lesen. Und gegebenenfalls auch noch ein Resümee dazu schreiben.

(Nur am Rande angesprochen sei vorerst, dass freilich nicht ohne Ausnahme jeder Brief an Wilhelm gerichtet ist. Versucht man dieses Leseexperiment, wird man also gezwungen, die Rolle mehrerer Adressaten einzunehmen. Weitere Reflexionen ließen sich auch zur Bedeutung der Herausgeberfiktion einstreuen. Denn nicht erst der erzählte Tod Werthers sprengt die Kohärenz der Brieflektüren – und damit auch das hier unternommene Experiment. Dieses Thema soll hier aber nicht behandelt werden.)

 

* Gemeint sind selbstredend nur der entsprechende Tag und Monat, nicht das Jahr. Richtiger wäre ebenso, die Briefe erst einige (nur: wie viele?) Tage nach dem Datum zu lesen, mit dem sie versehen sind – die Briefe mussten ja noch den Postweg absolvieren. Aus praktischen Gründen wird darauf aber verzichtet.

** Das schont nicht nur den entsprechenden Band meiner in Studienjahren erworbenen Gesamtausgabe, sondern bringt auch nette Schmunzler mit sich. Damals habe ich das Reclamheft doch mit einigen flappsigen Kommentaren versehen …

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